30. September 2026 · von Stachi · 4 Min Lesezeit
Johannisbeeren und Stachelbeeren jetzt schneiden: zwei Sträucher, zwei völlig verschiedene Regeln
Schwarze Johannisbeeren wollen jedes Jahr radikal verjüngt werden. Rote, weisse und Stachelbeeren dagegen tragen jahrelang an denselben Ästen. Wer beide gleich schneidet, schneidet sich um die halbe Ernte 2027.

Frau Schneider hat vor zwei Jahren ihre schwarze und ihre rote Johannisbeere exakt gleich geschnitten. Beide auf die gleiche Höhe zurück, beide um ein Drittel ausgedünnt, mit dem guten Gefühl, ordentliche Gartenarbeit gemacht zu haben. Die schwarze hat es ihr im Jahr danach mit der besten Ernte seit Jahren gedankt. Die rote hat kaum die Hälfte gebracht.
Sie hatte nicht schlecht geschnitten. Sie hatte nur beide Sträucher behandelt, als wären sie dieselbe Pflanze. Sind sie nicht.
Der Unterschied, der über die Ernte entscheidet
Schwarze Johannisbeere trägt ihre beste Frucht an einjährigem Holz – an Trieben, die dieses Jahr gewachsen sind. Alter Holz liefert zwar noch etwas, aber spürbar weniger und kleinere Beeren. Die Pflanze will deshalb jedes Jahr neu anfangen: alte Triebe raus, damit unten ständig frisches Holz nachkommt.
Rote und weisse Johannisbeere sowie Stachelbeere funktionieren umgekehrt. Sie bilden ein festes Gerüst aus Hauptästen und tragen an kurzen Seitentrieben – sogenannten Fruchtspornen –, die über drei, vier Jahre hinweg immer wieder Beeren bringen. Schneidest du dieses Gerüst radikal zurück, entfernst du genau die Äste, die nächstes Jahr hätten tragen sollen.
Gleiche Familie, gleiche Jahreszeit für den Schnitt, komplett andere Schere.
Schwarze Johannisbeere: konsequent verjüngen
- Suche die dunkelsten, dicksten, rissigsten Triebe – das ist das älteste Holz, meist vier Jahre und mehr.
- Schneide etwa ein Drittel dieser alten Triebe bodennah heraus. Nicht einkürzen, ganz raus, direkt über dem Boden.
- Lass die hellbraunen, glatten Jungtriebe aus diesem Jahr komplett stehen – die tragen nächstes Jahr die Hauptmenge.
- Entferne zusätzlich Triebe, die nach innen wachsen oder sich kreuzen. Ein lockeres, offenes Zentrum lässt Luft durch und trocknet das Laub nach Regen schneller – das hält den Mehltau fern, der schwarze Johannisbeeren gerne befällt.
Nach ein paar Jahren nach diesem Muster hast du nie mehr als drei, vier Altersstufen im Strauch, und jede davon trägt noch ordentlich.
Rote, weisse Johannisbeere und Stachelbeere: Gerüst erhalten, nur ausdünnen
- Behalte sechs bis acht kräftige Hauptäste als Gerüst – das sind die tragenden Triebe, die du über Jahre stehen lässt.
- Entferne nur Holz, das älter als vier Jahre ist: graue, oft leicht abblätternde Rinde, kaum noch neue Seitentriebe. Dieses Holz bringt ohnehin kaum noch Ertrag und macht Platz für einen neuen Hauptast aus der Basis.
- Kürze die kurzen Seitentriebe an den Hauptästen auf zwei bis drei Knospen ein. Das klingt nach viel Schnitt, ist aber genau das, was neue Fruchtsporne für die nächsten Jahre bildet.
- Schneide tief hängende, bodennahe Äste weg. Beeren, die den Boden berühren, faulen eher und ziehen Schnecken an.
- Bei Stachelbeeren: Öffne die Mitte grosszügig. Ein dichter Stachelbeerstrauch ist beim Ernten eine Qual mit den Dornen – ein offener ist es nicht, und der amerikanische Stachelbeermehltau mag die schlecht belüfteten dichten Büsche am liebsten.
Warum jetzt und nicht im Februar
Beide Schnittfenster funktionieren – Herbst nach dem Laubfall oder Spätwinter vor dem Austrieb. Der Unterschied liegt im Detail: Schneidest du jetzt, solange das Laub gerade abfällt, nimmst du Pilzsporen mit heraus, die sonst im alten Holz überwintern und im Frühling gleich wieder loslegen. Im Februar geschnittenes Holz liegt den ganzen Winter mit seinen Wunden offen herum, im Herbst geschnittenes hat den ganzen Winter Zeit, sauber zu verheilen, bevor im Frühjahr wieder Saft fliesst.
Ein Punkt ist wichtig: warte, bis wirklich der grösste Teil der Blätter von selbst abgefallen ist, nicht nur weil sie gelb werden. Solange noch Grün am Blatt ist, schickt die Pflanze noch Reservestoffe aus dem Laub zurück ins Holz – reisst du jetzt schon kräftig zurück, fehlt dieser letzte Nachschub fürs nächste Jahr. Bei uns in Zürich-Affoltern ist das frühestens Anfang, meistens aber erst Mitte Oktober so weit. Schau auf deinen Strauch, nicht auf den Kalender.
Der Nebeneffekt, den kaum jemand nutzt
In der Erntezeit-Pflanzendatenbank liegt das herbstliche Pflanzfenster für Johannisbeeren und Stachelbeeren bei Kalenderwoche 40 bis 45 – exakt die Wochen, in denen du sowieso mit der Schere im Beet stehst. Wenn du eine Lücke im Gerüst entdeckst, die sich mit Schnitt allein nicht mehr füllen lässt, oder eine dritte Sorte dazu willst: Jetzt ist der beste Moment, einen wurzelnackten oder Topf-Strauch direkt daneben zu setzen. Die Wurzeln wachsen bei den milden Bodentemperaturen im Oktober noch gut an, bevor der Frost kommt – im Frühling startet die Pflanze dann schon mit einem Vorsprung, statt erst im März Wurzeln schlagen zu müssen.
Schnittwerkzeug nicht vergessen
Desinfiziere die Klinge zwischen den Sträuchern, besonders wenn du kranke Äste rausschneidest – ein Lappen mit hochprozentigem Alkohol reicht. Johannisbeermehltau und Stachelbeermehltau springen über eine dreckige Schere erstaunlich zuverlässig von Strauch zu Strauch.
Schnittgut von gesunden Sträuchern darf auf den Kompost. Bei Ästen mit weissem, mehligem Belag oder deutlichen Flecken: in den Kehricht, nicht kompostieren – die Sporen überstehen die meisten Hobbykomposthaufen locker.
Frau Schneider hat ihre rote Johannisbeere seither zwei Jahre lang nur noch ausgedünnt statt zurückgeschnitten. Diesen Herbst hat sie zum ersten Mal mehr Beeren geerntet als von der schwarzen daneben. «Hätte ich auch einfach fragen können», hat sie gemeint, als sie mir das erzählt hat. Ja. Hätte sie.
🦔 Stachi
Produkte aus diesem Beitrag
Affiliate-Links. Stachi bekommt eine kleine Provision, dein Preis bleibt gleich.
- Gardena Classic PflanzkelleQualitätsstahl, korrosionsgeschützt — Allrounder fürs Beet.
- Gardena Blumenkelle, breit
- Bosch Handgabel, Edelstahl
- Draper robuste Handgabel, Edelstahl
Verwandte Pflanzen
Weitere Beiträge

10. Oktober 2026 · 2 Min. Lesezeit
Brombeeren jetzt ins Hochbeet pflanzen: warum eine Pflanze schon zu viel sein kann
Frau Schneider hat sich für ihre Kinder stachellose Brombeeren bestellt – gleich drei Stück, für ein einziges Hochbeet. Ich musste ihr sagen, dass selbst eine davon dort auf Dauer eng wird. Hier ist, worauf es bei der Herbstpflanzung wirklich ankommt.

9. Oktober 2026 · 2 Min. Lesezeit
Endivie bleichen: der Trick gegen die Bitterkeit – und wo die Fäulnis lauert
Frau Schneider hat ihre Endivie an einem regnerischen Nachmittag zusammengebunden, weil sie keine Zeit hatte zu warten. Eine Woche später war das Herz braun und schmierig statt hellgelb und zart. Hier ist, worauf es beim Bleichen wirklich ankommt.

8. Oktober 2026 · 2 Min. Lesezeit
Artischocke überwintern: warum sie im Hochbeet schneller erfriert als im Gartenbeet
Frau Schneiders Artischocke hat diesen Sommer zum ersten Mal richtig Knospen getragen – jetzt hat sie Angst, dass die Pflanze den ersten harten Frost im Hochbeet nicht überlebt. Zu Recht: Hochbeet-Erde friert anders als Gartenboden. So schützt du den Wurzelstock richtig.